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Gründliches Doppelporträt der Hörbuchpioniere nach dem SNIP- über den Hörspielmusiker und Hörbuch-produzenten Tom Täger und seine Zusammenarbeit mit A. J. Weigoni.
Als Tom Täger 1989 im Tonstudio/Ruhr Helge Schneiders allererste
Schallplatte "Seine größten Erfolge" produzierte, hat man ihn für
verrückt gehalten. Als A. J. Weigoni 1991 sein erstes Hörbüch »Literatur
Clips« auf CD realisierte, hat man ihn für verrückt gehalten. Fast
logisch, dass diese Artisten sich über den Weg laufen mussten. Weigoni ist
eine vielseitig gescheiterte Persönlichkeit. Da die Idee für ihn die
Autorität hat, drückt er sich in Drama, Lyrik und Prosa gleichmaßen in
gediegener Professionalität aus.
Drama
Einen Nebenstrang seiner Arbeit bilden die Monodramen »Oden an die Zukunftsseelen«, »Señora Nada« und »Unbehaust«.
Die Produktion “Señora Nada” provoziert mit einem
stream–of–consciousness durch Inhalte und nicht durch Dolby–Surround.
Darin begleitet Tom Täger die Schauspielerin Marina Rother mit einer
Musik der befreiten Melodien. Seine Komposition zu “Señora Nada” ist
durchsetzt von minimalistischen und improvisatorischen Erfahrungen, das
Klangbild wird von experimentellen Klängen zu Trivialklängen in Bezug
gesetzt. Die Vertonung ist rasch im Grundtempo. Crescendo– und
Decrescendo–Verläufe schaffen fiebrig–erregte Ausdruckszonen wie die
buchstäblich hervorbrechenden Forte– und Fortissimo–Attacken.
Täger und Weigoni passen zusammen
Tägers
Klanglichkeit bleibt Weigonis Exaltiertheit nichts schuldig. Es gibt
Momente, da berühren sich Musik und Sprache, wie eine Fingerkuppe
vorsichtig in eine gespannte Wasseroberfläche eintaucht, ohne sie
zerstören zu wollen. Diese behutsamen Momente sind die Augenblicke, in
denen für ein paar Takte kaum etwas zu hören ist. Es sind Sekunden von
viel größerer Kraft als jedes Crescendo. Das Angebot, das in dieser
Musik liegt, ist eine Herausforderung. Wenn sich gegen Ende von »Señora
Nada«, die Komposition zu einem leeren Quintklang zusammenzieht in der
Pianissimo–Dynamik, haben die Takte dieses Hörstücks Welten an Ausdruck,
Dynamik, Ambitus durchschritten. Man weiß es nicht so genau, ob die
Ruhe nach dem Sturm nachklingt oder eine im statischen Quintklang
erstarrte Erschöpfung. Die Vertonung Tom Tägers fügt sie – mit allen
Kontrasten von Tempoverläufen, Klangdichten, dynamischen Abstufungen –
über die Wortbedeutungen hinweg zu einer einleuchtenden Zyklik. Die
Klänge und Strukturen sind eigenartig: ähnlich und doch immer wieder
neu, streng und doch offen. Das Zuhören führte an ein Zeitempfinden
heran, wie es in dieser Weise selten zu erleben ist. Jedes Kunstwerk
erinnert an den Geist und die Erweiterbarkeit des menschlichen
Horizonts. Jedes bedeutende Werk hat das Bewußtsein geöffnet und nicht
einfach nur die öffentliche Nachfrage nach Schönheit bedient.
Die Papier-Komposition zum Monodram »Unbehaust« handelt vom
unermüdlichen Tägerschen Forschergeist, von der ewigen Suche nach
unverbrauchten Ausdrucksformen. Tom Täger hat versucht, die Form des
Monodrams, die Gedanken der Hauptfigur auf musikalische Verhältnisse zu
übertragen und generiert mit seiner Komposition zu »Unbehaust« eine
subtile Kongruenz von Wort–Ton–Bezügen. Die Anlage der Papier–Collage
ist schlicht und raffiniert zugleich. Tempomäßig und im Grundcharakter
stiftet sie eine Bogenform. In den Zeitdauern ist sie ansteigend, die
dynamisch intensivste Stelle steht etwa in der Mitte. Die Komposition
ist durchgeformt. Das Tonmaterial kombiniert mit Papiergeräuschen und
Komplementärakkorden, wird stringend ausgeführt. Ein Zug des
Schweifenden, des locker Gelösten ist diesem Hörstück eigen, das von
Bibiana Heimes als Sprecherin gestaltet wird. Ihre gezackte Rezitation
ist rasch als Parodie auf René Pollesch Vokalstil zu verstehen. Sie gilt
als Verrückte – oder mimt zumindest eine exaltiert Abgehobene. In ihren
poetopathologischen Aufzeichnungen kämpft Bibiana Heimes als Patientin
Jo Chang gegen das Vergessen, das Verlassenwerden, die Gesellschaft,
Gott, und den Tod. Die seelischen Grenzüberschreitungen, die das
lyrisches Monodram thematisiert, vollzieht es formal in der Aufhebung
der Gattungsgrenzen nach. Es wird ganz ohne Psychologie erzählt, eher
als Status quo eines Experiments. Sie ist auf der Suche nach ihrem
Ursprung und findet Einzelteile einer versprengten Existenz. Das
Langgedicht handelt nicht nur von großer Not, es ist auch selbst in Not.
Mit schlankem Federstrich zeigt die asiatische Emigrantin die Neurosen
und die Zerstörtheit der westlichen Warenwelt auf. Sie scheint mit den
Worten zu schweben: eine Sprechmusikerin.
Lyrik
Über
Lyrik lässt sich in vielen Zusammenhängen nachdenken, in ökonomischen,
psychologischen und soziologischen. Gedichte interessieren als Wege zu
Bewusstsein, so bedeutet Erkenntnis dabei nicht bloß Information über
Welt und Selbst, sondern auch die Gewinnung einer Haltung, die
Verkörperung intellektueller, moralischer und sinnlicher Erfahrung.
Einen Remix zu basteln ist in der Popmusik gang und gebe. Stephan
Flommersfeld hat das Selbe mit der "Letternmusik" von A. J. Weigoni
gemacht, herausgekommen ist die aktuelle Variante eines drama giocoso –
gemasterd im Tonstudio an der Ruhr von Tom Täger. Die Fertigstellung
seines Remix ist gebunden an den Umstand, daß das Ganze wiederum „Sinn“
macht, das unterscheidet den Remix von Stephan Flommersfeld von einem
Remake und vom Recycling: Remixen ist hier auch eine
Autorenangelegenheit.
Ideale Form
Die ideale Form für den Remix ist der Clip: ein
audiophones Geschehen, das sowohl in der Länge als auch im inneren
Aufbau (Refrain, Strophe, Bridge) einem Popsong ähnelt. Tatsächlich
benutzt Stephan Flommersfeld gern einen solchen als Grundlage für die
Montage. Dieser Remix der »Letternmusik« ist ein Platz für den
artistischen Bau autarker Sprachkonstrukte außerhalb der alltäglichen
Rede und normierter Sprachregularien. Dieses Freigelassene, Strömende
entsteht durch Präzision, Klarheit und Konzentration. Diese Gedichte
oszillieren zwischen dem lyrischen Protestgedicht und dem politischen
Liebesgedicht. Sie sollen daran erinnern, was Poesie ursprünglich war:
Gesang, Melodie und Rhythmus, Reim und Versmass, Litanei und Mythos. In
einem beständigen Remix der Töne wird die entzweite Welt neu
zusammengefügt. Mit ihrem parlandoartigen Konversationston changiert
Flommersfelds neue Komposition zwischen Komödie und Tragödie. Die
Klangbilder sind scharf konturiert, agogische und dynamische Verläufe
oft abrupt, die Farben abwechselnd grell und düster. Die Wahl der Tempi
macht die unerbittliche Dringlichkeit der Verläufe spürbar, und manchmal
überstürzen sich die Dinge und die Musik mit ihnen. Sie ist immer
mitten im Kern des Geschehens und trägt auch immer zu dessen Deutung
bei.
Hynotische Wirkung
Diese Komposition ist von hypnotischer Wirkung, minimalistisch und
doch komplex, hochgradig virtuos, ungeheuer rauschhaft in den
Ausbrüchen, getragen von einer tiefen Spiritualität und Innerlichkeit.
Es ist schwer, sich den Reizen dieser Klangwelten zu entziehen.
Flommersfelds Komposition hat viele eindrucksvolle Momente, vor allem im
Lyrischen. Nach Spielerei klingt das nicht, alles findet wie
selbstverständlich zueinander. Mal hallen düstere Akkorde wie von weit
her, mal flirren Melodien in seltsam schillernden Farben. Die
Kompositionen von Stephan Flommersfeld entspringen einem emotionalen
Kontext. Am Anfang ist das fühlende Subjekt. In ihm entsteht die Musik,
die dann nach außen tritt. Ihr Klang ist reine Ästhetik, abhängig von
äußeren Einflüssen.
Prosa
Weigoni und Tom Täger spüren
der Sprache in den »Vignetten« vor allem als akustischem Phänomen nach.
Aus einem musikalischen Einfall heraus entwickelt Täger ein 24teiliges
Stück. Der Hörspielkomponist verarbeitet das Thema dabei
unterschiedlich, in Sequenzen, Transpositionen und Diminutionen kommen
seine Inventionen zu den Vignetten daher. Kontraste sind für Tom Täger
selbstverständlich, die schwelgerische Melancholie gedeiht direkt neben
krassen Dissonanzen, und die Intensität des Schrillen verstärkt
diejenige des Stillen. Seine Komposition lebt von Polymetriken und
Polyphonien. Die Vertonung Tägers fügt sie – mit allen Kontrasten von
Tempoverläufen, Klangdichten, dynamischen Abstufungen – über die
Wortbedeutungen hinweg zu einer einleuchtenden Zyklik.
Eigenartige Klänge
Die Klänge und
Strukturen sind eigenartig: ähnlich und doch immer wieder neu, streng
und doch offen. Das Zuhören führte an ein Zeitempfinden heran, wie es in
dieser Weise selten zu erleben ist. Oft gibt es das Missverständnis,
Energie gleich Lautstärke. Intensität steckt auch in extrem ruhiger und
gleichförmig fließender Energie, quasi im Nichts. In der Hörspielmusik
dieses Soundtüftlers gibt es extrem leise Stellen. Und trotzdem ist da
unentwegt ein Energiefluss spürbar, es brodelt etwas.
Jedem Wort lauschen
Bei der
Umsetzung der »Vignetten« möchte man jedem einzelnen Wort hinterher
lauschen. Hier entsteht etwas, das am ehesten als eine Art assoziativer
Klangraum bezeichnet werden könnte, ein schwer zu fassendes Phänomen,
das eng mit der offensten aller Künste, der Musik, verwandt ist.
Zentral für Täger sind Stimme und Sprache, es geht dem
Hörspielkomponisten nicht um ein Abbildungsverhältnis, sondern eher um
einen strukturellen Ausgangspunkt, um ein Material, mit dem er
experimentiert. Dann entstehen oft kleinere Stücke, die sich zu einem
größeren Stück zusammensetzten, wie etwa beim Kompositionszyklus
»Vignetten«. Täger setzt sich nicht mit Papier und Bleistift vor ein
Blatt Notenpapier, schreibt Musik und denkt darüber nach; er ist ein
Praktiker, der Instrumente spielt und in seinem Tonstudio an der Ruhr
einen Klang erzeugt und Tonfolgen erfindet. Die Musik ist in einem
Hörspiel Dienerin und Herrin zugleich.
Die Glimmer-Twins der Hörspielszene
Wie es den Glimmer-Twins
der Hörspielszene bei ihrem räudigen Werk gelungen ist, die vom Volker
Förster verantwortete Trilogie „Götter in Weiß“ ist zudem hörenswert.
Diese Kompositionen sind nicht bloße „Begleitung“, sondern strukturell
und diskpositiv ebenso gewichtig wie die Sprecherstimmen. Försters
Klanglandschaften sind von eindringlicher Bildhaftigkeit. Seine
Hörstücke sind ein Gegenentwurf zu den Prolo–Komödien, die als
ungeschönte Milieubilder daherkommen, letztlich aber nur Freakshows
sind, die statt Menschen Witzfiguren zeigen. Diese »Zombies« dagegen
wissen durch alle Skurrilitäten und Absurditäten die Würde ihrer
Protagonisten zu verteidigen. Sie suchen Wahrhaftigkeit, Menschlichkeit
und finden einen Spiegel für ihre Gefühle. Das Lächeln über sie ist
immer empathisch, nie abfällig.
Matthias Hagedorn
Informationen gibt es hier
Hörproben etc:
www.vordenker.de
A.J. Weigoni gehört zu den meistunterschätzten Lyrikern, sein Schaffen erzeugt
eine Poesie, die von der Rezeption das Äußerste an Selbstpreisgabe
verlangt.
Und die Werke der beiden hier: